
Krisenende: Furiose Ice Tigers besiegen München
Wenn die Ice Tigers nach neun Jahren erstmals wieder als Sieger aus Mannheim vom Eis gehen, darf man von einer besonderen Saison sprechen. Gelingt dieses Kunststück dann sogar ein zweites Mal, liegt Großes in der Luft. Dafür müssen die Franken allerdings zunächst bis zum letzten Spieltag in den Top 10 bleiben und anschließend einen famosen Playoff-Lauf hinlegen. Dazwischen liegen jedoch noch zwölf Spiele im Punktesystem der Deutschen Eishockey Liga sowie die lange Olympia-Pause. Ob sich diese Unterbrechung als Vor- oder Nachteil für die junge Nürnberger Mannschaft erweist, wird sich erst mit dem Start der Playoffs zeigen.
Schon wieder schweife ich in die Zukunft der Mannen von Mitch O’Keefe ab. Zunächst galt es, den Fokus auf die Partie gegen den EHC Red Bull München in der heimischen Arena zu richten und nach dem Auswärtssieg bei den Adler Mannheim ein Sechs-Punkte-Wochenende perfekt zu machen.
Achterbahnfahrt in Nürnberg – Evan Barratt erzielt den Gamewinner in der letzten Minute!
Neun Sekunden Tiefschlaf
Die Ice Tigers fuhren ihre Krallen sofort aus: Erstes Bully gewonnen, Headrick brachte die Scheibe tief, Barratt legte mit der Rückhand in den Slot ab und Samuel Dove-McFalls jagte den Puck nach nur neun Sekunden zum 1:0 in die Maschen. Der frühen Führung folgte eine Nürnberger Dauerpräsenz vor Matthias Niederberger, während die Münchner sichtlich überfordert wirkten. Kurz darauf fiel bereits der nächste Treffer: Brett Murray drückte einen Rebound nach einem Schuss seines Reihenkollegen Evan Barratt am langen Pfosten über die Linie.
Die Red Bulls präsentierten sich im Vergleich zu den vorherigen Spielen wie ausgewechselt – ohne Zuordnung in der Defensive und ohne klar erkennbare Spielstruktur in der Offensive. Oliver David wippte nervös auf der Bank der Münchner hin und her; auch er dürfte sich den Start in den 41. Spieltag ganz anders vorgestellt haben. Auf der anderen Seite wirkte Mitch O’Keefe völlig entspannt: Hände in den Hosentaschen, Kaugummi kauend – wie sollte es auch anders sein nach dieser Anfangsphase gegen den Tabellenzweiten?
Dass München trotz bester Chancen zunächst nicht auf die Anzeigetafel kam, hatte einen Namen: Evan Fitzpatrick. Der Kanadier parierte selbst hundertprozentige Gelegenheiten der Red Bulls mit einer Ruhe, die ihm an diesem Abend offenbar niemand nehmen konnte. Auch Patrick Hager scheiterte im Penaltyschießen am rothaarigen Goalie der Ice Tigers und kehrte mit gesenktem Kopf zur eigenen Bank zurück.
Yasin Ehliz durfte dagegen erhobenen Hauptes zum Abklatschen fahren. Der Ex-Ice-Tiger verwertete einen stark ausgespielten Angriff per Direktschuss an Fitzpatrick vorbei. Zuvor hatte Taro Hirose die Nürnberger Hintermannschaft ausgespielt und einen perfekten Pass auf die Kelle des Deutsch-Türken gelegt. München übernahm daraufhin im ersten Drittel zunehmend die Kontrolle, drückte die Ice Tigers lange Zeit in deren eigene Zone und feuerte zahlreiche Schüsse aus guten Positionen auf das fränkische Tor.
„ADHS-Powerplay“ – so beschrieb Sebastian Böhm von den Nürnberger Nachrichten kürzlich das Nürnberger Überzahlspiel. Fabio Wagner saß nach einem Foul auf der Strafbank, und die Ice Tigers spielten das Powerplay nach dem Motto: kurz und schmerzlos. Evan Barratt bewegte sich im Slot einige Schritte Richtung Tor, verzichtete jedoch auf den erwarteten Abschluss und spielte stattdessen einen harten Pass auf Brett Murray. Von dessen Kelle aus schlug die Scheibe zum 3:1 hinter Matthias Niederberger ein.
Anschnallen
Die Ice Tigers schienen regelrecht Spaß daran zu haben, die Red Bulls zu ärgern. Kaum eine Minute war im zweiten Abschnitt gespielt, da spielte Cole Maier gleich drei Gegenspieler aus und setzte seiner Aktion die Krone auf: Mit einem flachen Schuss durch die Schoner von Niederberger erhöhte er auf 4:1. Erneut war München vom fränkischen Tempo-Eishockey überfordert, und die Miene von Oliver David wurde zunehmend düsterer. Der neue Headcoach der Red Bulls sah einen Auftritt seiner Mannschaft, der dem zweiten Tabellenplatz in keiner Weise gerecht wurde.
Die Münchner fanden vor allem über Überzahlphasen ins Spiel oder dann, wenn Nürnberg einen Gang zurückschaltete. Im Powerplay hatte Adam Brooks an der blauen Linie viel Zeit, suchte sich seine Ecke aus und traf mit einem schnellen, platzierten Handgelenksschuss zum 2:4 aus Sicht der Gäste.
In der Folge schalteten die Ice Tigers ein, vielleicht sogar zwei Gänge zurück. Ohne Evan Fitzpatrick zwischen den Pfosten hätte es durchaus bereits 4:4 stehen können. Ob Alleingang oder Zwei-auf-Eins-Konter – der Nürnberger Schlussmann nahm den Münchnern die ganz großen Chancen mit Bravour vom Schläger. In Unterzahl war jedoch auch er erneut machtlos, selbst wenn es zuvor und während des Powerplays einige Situationen gab, die durchaus zugunsten der Gastgeber hätten gepfiffen werden können. Wie auch immer: Fitzpatrick musste zusehen, wie Adam Brooks ein perfekt ausgespieltes Überzahlspiel mit einem satten Direktschuss zum 3:4 abschloss.
Ritt auf der Rasierklinge
Nürnberg Ice Tigers – EHC Red Bull München 5:4
Tore:
1:0|1.|Samuel Dove-McFalls (Evan Barratt, Owen Headrick)
2:0|4.|Brett Murray (Evan Barratt, Samuel Dove-McFalls)
2:1|11.|Yasin Ehliz (Taro Hirose)
3:1|18.|Brett Murray (Evan Barratt, Cody Haiskanen)
4:1|22.|Cole Maier (Cody Haiskanen)
4:2|27.|Adam Brooks (Markus Eisenschmid)
4:3|47.|Adam Brooks4:4|53.|Fabio Wagner (Adam Brooks, Gabriel Fontaine)
5:4|60.|Evan Barratt (Owen Headrick, Brett Murray)
Zuschauer:7672 (ausverkauft)
Bericht von: Luca Schindler | Foto: Bruno Dietrich / City-Press GmbH Bildagentur
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